Ulrich Bernhardts Der Fluss aus dem Jahr 1978, die erste Videoinstallation des Künstlers, setzt sich mit der antiken Vorstellung des Zeitflusses auseinander, der Flüchtigkeit und Vergänglichkeit von Zeit, die durch den Körper der Betrachtenden fließt.
Der Aufbau der Installation ist an eine Klepshydra angelehnt, eine antike Wasseruhr, die nach dem Prinzip der Sanduhr funktioniert: Auf einem Monitor, welcher in einem geöffneten Zelt steht, ist eine endlos fließende Quelle zu sehen. Von hier aus führt eine Bahn aus Metallfolie zu zwei weiteren, aufeinander gestapelten Fernsehern, wobei der untere nichts zeigt und auf dem oberen ursprünglich ein aktuelles TV-Programm zu sehen war. Im heutigen Zustand der Installation ist auf diesem Monitor ein Ausschnitt aus der Tagesschau vom Tag der erstmaligen Präsentation des Werks am 25. August 1978 in der Galerie Hetzler in Stuttgart zu sehen. Tritt ein Betrachter oder eine Betrachterin auf eine Kontaktschwelle, die sich unter der Metallfolie befindet, lösen sie einen Mechanismus aus, der das obere Bild Zeile für Zeile wassergleich „auslaufen“ lässt. Zeitgleich erscheint im unteren Bildschirm das Abbild der Betrachter:in, das von einer Kamera in Echtzeit aufgezeichnet wird. Das sich verflüssigende Videobild steht für den subjektiven Aspekt der Zeit, wobei drei Wanduhren, die verschiedene Zeitzonen zeigen, für das Faktische des Vergehens der Zeit stehen.
Mit der Installation schafft Bernhardt eine an die antike Mnemotechnik, die Gedächtniskunst, angelehnte Zeitskulptur, in der die Erinnerung mit Bildern verknüpft und damit angesichts der Flüchtigkeit von Medienbildern die Frage nach der Fragilität unseres Gedächtnisses gestellt wird. Zugleich zeigt sich in der Installation ein mit dem Aufkommen der Videotechnik verändertes Kommunikationsverhalten, das mit einer Abkehr vom Massenmedium Fernsehen und einer Hinwendung zum Individualmedium einhergeht....