Der Sarkophag
Ulrich BernhardtTranskript
In seiner Videoinstallation Der Sarkophag befasst sich Ulrich Bernhardt mit der zeitlichen Dimension radioaktiver Strahlung. Die Halbwertszeit radioaktiver Stoffe, etwa des hochgefährlichen Plutonium-239, hat mit 24.400 Jahren eine Dauer, die jenseits unserer Vorstellungskraft liegt. Der Glaube an das technisch Machbare und die Beherrschbarkeit der Radioaktivität wurde mit der Havarie im Kernkraftwerk von Tschernobyl auf dem Gebiet der heutigen Ukraine im Jahr 1986 nachhaltig erschüttert. Bernhardts 1996, zehn Jahre nach dem Reaktorunglück entstandene Installation bezieht sich auf dieses Ereignis, das sich am 26. April 2026 zum vierzigsten Mal jährt. Im Inneren des kreisförmigen Installationsraums, der dem stillgelegten Reaktor nachempfunden und mit Tarnnetzen abgedeckte ist, sind Metallspinde mit Strahlenschutzanzügen sowie ein Geigerzähler zu sehen. Auf einem Monitor in einem der Spinde läuft eine historische Videodokumentation, die Wissenschaftler:innen in eben solchen Schutzanzügen zeigt, die den beschädigten Reaktor überwachen. Eine Bodenprojektion zeigt ein Gewässer, die Quelle des Zeitflusses. Dazu ist ein von Bernhardt verfasstes Gedicht über Lethe zu hören, die Personifikation des Vergessens in der griechischen Mythologie. Währenddessen druckt ein Nadeldrucker Jahreszahlen auf Endlospapier, welche die Halbwertszeit von Plutonium-239 ab dem Jahr der Havarie 1986 bis zum Jahr 26386 umfassen. Auf der Außenseite des Raums sind 1.440 analoge Wecker angebracht, ein Verweis auf die Zahl der Minuten, welche die Erde benötigt, um sich einmal um die eigene Achse zu drehen. In einer weiteren Projektion ist eine historische Dokumentation über die Aufräumarbeiten in Tschernobyl durch sogenannte Liquidatoren zu sehen, die Hunderttausende Soldaten und Helfer, die während und nach der Katastrophe im Reaktor im Einsatz waren und von denen bis zu 125.000 an den Folgen ihrer Arbeit verstarben. Angesichts der aktuellen Diskussionen um die Rückkehr zur Atomkraft und der realen Gefahr eines neuen Reaktorunglücks in der Ukraine durch den russischen Angriffskrieg erinnert Bernhardt mit der neu für die Ausstellung entstandenen Fassung seiner Installation an die häufig verdrängte, existenzielle Bedrohung des Lebens auf der Erde durch die Nukleartechnologie: Es ist eine Bedrohung, die für den Künstler wie in der antiken Vorstellung des Zeitflusses die Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart zu einem ewigen JETZT vereint....